Bangladesch entscheidet sich für den Frieden und gegen Kernwaffen

 Analyse von Naimul Haq

DHAKA, Bangladesch (IDN) − Trotz zunehmender globaler Bedrohungen durch Atomangriffe hat das von im Besitz von Kernwaffen befindlichen Ländern umzingelte Bangladesch sich entschieden, seinen Status als friedliche Nation aufrechtzuerhalten und sich nicht dem Klub der Atommächte anzuschließen.

In Unterstützung des vorhandenen politischen Willens, den Weltfrieden zu erreichen und internationale nukleare Friedensverträge zu befolgen, führen nationale Sicherheitsexperten an, dass obwohl der Kalte Krieg beendet ist, die Möglichkeit von Atomschlägen nach wie vor vorhanden ist.

Unabhängige, aber übereinstimmende Stimmen kommen zu dem Schluss, dass die Bedrohung durch einen globalen Atomkrieg abgenommen hat, das Risiko eines Atomangriffs jedoch deutlich zugenommen hat, da eine zunehmende Anzahl an Nationen Technologien zur Entwicklung von Kernwaffen erworben hat − ganz abgesehen von der Gier von Terroristen, die ebenfalls solche Massenvernichtungswaffen in die Hände bekommen wollen.

Sie sagen, dass − solange die Gefahr durch diese Bedrohungen weiterbesteht − Bangladesch sich für eine Verstärkung der nationalen Sicherheitsaufklärung rüsten muss und sich auf die Konzeption von Überlebensstrategien bei hohen Strahlungsbelastungen, die von solchen Angriffen ausgehen, konzentrieren muss.

Zur Streitfrage des nuklearen "Schutzschirms“ von China, Indien und den USA, sagte Brigadegeneral a. D. M. Sakhawat Hussain, ein nationaler Sicherheits- und Verteidigungsberater gegenüber IDN: "Bangladesch ist weder ein feindseliges Land, noch ist es − zumindest in diesem Jahrhundert − einer Bedrohung durch Atomangriffe ausgesetzt. Gegenwärtig besteht keine unmittelbare Bedrohung von außen, aber natürlich kann man die Zukunft nicht vorhersagen.“

Hussain stellte die für den Besitz einer Kernwaffe angeführten Begründungen in Frage und sagte, der Traum von der Entwicklung einer Kernwaffe wäre ein äußerst riskantes Wagnis.

"Wen greifen wir an und oder wen betrachten wir als Feind?“ fragte er. "Im Allgemeinen kann festgestellt werden, dass Nationen, die im Besitz von Kernwaffen sind, Feinde haben. So hatten die USA beispielsweise die Sowjetunion als ihren Erzfeind. Indien und Pakistan haben die Waffen zur gegenseitigen Abschreckung entwickelt. Nordkorea sieht sich Bedrohungen durch seine Feinde Südkorea und die USA ausgesetzt. Gleichermaßen hat Israel nach Kernwaffen gegriffen, da es sich durch seine arabischen Feinde bedroht fühlte.“

Weiterhin führte er an, dass "rein geographisch gesehen, falls jemals wieder ein Krieg zwischen Indien und Pakistan ausbrechen sollte, Bangladesch auch strategischen Bedrohungen ausgesetzt sein könnte, wenn es darum geht, die von möglichen Bombenangriffen ausgehende Radioaktivität einzugrenzen, da wir ihr Nachbarland sind. In einem solchen Fall sollten wir, wie andere Nationen, unseren Bürgern Kenntnisse im Umgang mit lebensgefährlicher Strahlung vermitteln, anstatt uns auf Gegenmaßnahmen im Falle eines Atomangriffs vorzubereiten“.

Hussain unterstrich ebenfalls den Bedarf eines soliden atomaren Aufklärungssystems, das seiner Meinung nach den Schlüssel für nukleare Sicherheit in der heutigen Welt darstellt.

Generalmajor a.D. Mohammad AbdurRashid, ein führender nationaler Sicherheitsberater, sagte gegenüber IDN: "Ein Beitritt zum 'Klub der Atommächte‘ im Zeitalter der heutigen globalen Sicherheit wäre eine sinnlose Investition, insbesondere da Bangladesch jetzt eine aufstrebende Volkswirtschaft ist. Angesichts der geopolitischen Lage der Region gibt es keinen Anlass, von der Entwicklung von Kernwaffen zu träumen.“

Rashid, der ebenfalls Generaldirektor des Institute of Conflict, Law and Development Studies (ICLDS) (Institut für Konflikt-, Rechts- und Entwicklungsforschung) ist, bemerkte ebenfalls: "Bangladesch wäre besser damit beraten, sich auf die Ausarbeitung von Überlebensstrategien bei hohen Strahlungsbelastungen zu konzentrieren, falls jemals ein Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan ausbrechen sollte. Die beste Vorgehensweise besteht darin, unsere Bevölkerung vor solchen Angriffen zu schützen. Fast jedes Land verfügt über eigene Strategien zum Schutze der Bürger vor tödlicher radioaktiver Strahlung.“

Zudem machte er deutlich, dass die Aufklärungsarbeit zur Ermittlung von nuklearen Bedrohungen verstärkt und entsprechende Vorkehrungen getroffen werden müssten. "Eine solide Geheimdienststruktur könnte ein ideales Werkzeug zur Warnung vor entstehenden Bedrohungen sein.“

M. A. Gofran, Experte für erneuerbare Energien, sagte zu IDN: "Während die Welt sich um das Ende des atomaren Wettrüstens bemüht, besteht kein Anlass für ein armes Land wie Bangladesch, nach extrem kostspieligen und gefährlichen Kernwaffen zu streben. Tatsächlich stellen nukleare Angriffe keine Option der Kriegsführung mehr dar und es wird nie mehr einen Atombombenangriff geben, nachdem die Welt mit eigenen Augen gesehen hat, welches Unheil solche Massenvernichtungswaffen in Hiroshima und Nagasaki über die Menschheit gebracht haben.“

Zur Streitfrage des nuklearen „Schutzschirms“ äußerte sich Gofran folgendermaßen: "Eine Nuklearmacht wie Indien oder die USA ist nicht in der Lage, gegebenenfalls, Schutz‘ zu garantieren − nicht einmal für ein befreundetes Land. Eine Atombombe ist viel mehr als nur ein Stück Artillerie. Mit einer Atombombe für ein befreundetes Land Vergeltung zu üben, das wäre gleichbedeutend damit, das eigene Staatsgebiet wegen eines eventuellen Atombombenangriffs durch einen Feind eines anderen Lands aufs Spiel zu setzen. Wieso sollte eine Nuklearmacht so verantwortungslos handeln?“

Chef-Journalist Afsan Chouwdhury schloss die Möglichkeit einer nuklearen Bedrohung für Bangladesch aus: "Wir sind sicher, denn wer hätte schon ein Interesse daran, uns mit Kernwaffen anzugreifen? Indien ist in unserer direkten Nachbarschaft. Außer im Falle, dass es etwas beinahe Unmögliches geschieht, sind wir sicher. Wir stellen keine Bedrohung für irgendein anderes Land dar.“

Im Hinblick auf gegenwärtige Energiepolitik und Kapazitäten bei der Handhabung von Kernbrennstoffen äußerte sich Afsan wie folgt: "Wir sind weder kompetent noch effizient genug, um eine solche Nukleartechnik (Waffen) zu bedienen. Und wen sollten wir damit angreifen? Im Kontext der globalen Sicherheit wäre die Entwicklung einer Kernwaffe absolut sinnlos. Ich kann mir keine Regierung von Bangladesch vorstellen, die daran ein Interesse hätte.“

Generalmajor a.D. Mohammad Ali Sikder, Experte für politische Sicherheit, sagte gegenüber IDN: "Wir waren stets ein friedfertiges Land und diese friedfertige Haltung ist in unserer politischen Geschichte tief verwurzelt. Wir haben in der Vergangenheit niemals Konflikte angeheizt und haben daher keine Atom-Rivalen. Ich sehe in der Tat keinen Grund, wieso wir uns jemals unsicher fühlen sollten.“

Sikder zufolge waren "die benachbarten Nuklearmächte Indien und China stets unsere engsten Verbündeten. Nach heutigem Stand stellt die geopolitische Realität keine nukleare Bedrohung für Bangladesch dar. Demzufolge müssen wir uns zum gegebenen Zeitpunkt keine Gedanken über das Potenzial von Kernwaffen machen“.

Er fügte jedoch hinzu, dass "wir die Leistungsfähigkeit der auf das Ausland bezogenen Aufklärungsarbeit verbessern müssen, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Das intelligenteste Vorgehen besteht darin, fortschrittlichste Aufklärungstechnologien einzusetzen. Auf diese Weise wären wir über potentielle Bedrohungen informiert, sofern sie überhaupt vorhanden sind“.

M. Ali Zulquarnain, Vorsitzender der Bangladesh Atomic Energy Commission (BAEC), Bangladeschs Atomenergiekommission, sagte gegenüber IDN, dass Bangladeschs Nuklearprogramm immer friedliche Zwecke verfolgt hat.

Ebenso gab er an, dass die "BAEC ihre Forschungstätigkeit (insbesondere im medizinischen Bereich) und die Entwicklungsarbeit in Einklang mit dem gesellschaftlichen Bedarf und der Weiterentwicklung in der Nukleartechnologie fortführen wird. Im Rahmen von INPRO und weiteren internationalen und regionalen Aktivitäten, ist die BAEC in den Bereichen nachhaltige Kernenergiesysteme, innovative Reaktorkonzepte zur Prävention schwerer Unfälle und zur diesbezüglichen Schadensminderung ebenso wie im Bereich Kernbrennstoffe und der Analyse des Brennstoffkreislaufs für künftige Kernenergiesysteme tätig“.

Des Weiteren erläuterte er, dass seiner Meinung nach Bangladesch "verglichen mit einigen anderen Entwicklungsländern sich in einer besseren Lage befindet, da es Kernenergie nutzt und aufgrund unserer Expertise im Bereich der Kernforschung diesbezügliche Forschungsarbeit durchführen kann“. Das Land weist "eine weltweit tadellose Bilanz auf, was die friedliche Nutzung von Kernenergie angeht und wir sind Unterzeichner beinahe aller internationalen Verträge mit dem Ziel der Nichtverbreitung von Kernwaffen“.

IDN sprach ebenfalls mit einer Vielzahl von Persönlichkeiten aus der Zivilgesellschaft, darunter Lehrer, ehemalige Regierungsbeamte und nichtstaatliche Verantwortungsträger, Journalisten und Geschäftsleute. Sie alle plädierten einstimmig für eine Friedenspolitik und sprachen sich klar gegen einen irgendwie gearteten Einstieg in ein atomares Wettrüsten aus, das in ihren Augen lächerlich sei.

"Bangladesch ist eine der südasiatischen Volkswirtschaften mit dem schnellsten Wirtschaftswachstum und jegliche Bestrebungen, Kernwaffen zu erlangen, würden dieses Wachstum unmittelbar gefährden“, so ein erfahrener Bankfachmann.

Ein langjähriger Dozent einer renommierten Universität äußerte sich folgendermaßen: "Zunächst einmal stellt sich die Frage, ob Bangladesch es sich überhaupt leisten kann, Mitglied des Klubs der Atommächte zu werden? Das ist extrem kostspielig und in höchstem Maße riskant. Aus beiderlei Gründen bleibt Bangladesch schlichtweg keine andere Wahl, als vom momentanen Wirtschaftswachstum zu profitieren.“ [IDN-Nachrichten im Detail– 25. Juni 2016]