Vorstoß gegen Kernwaffen ein 'Rohrkrepierer' – Interview mit Atomexpertin Simons

Von Thalif Deen

NEW YORK (IPS) – Auf die Frage, mit welchen Waffen der Dritte Weltkrieg geführt werde, sagte der Physiker Albert Einstein: "Ich bin [mir] nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen." 

Offensichtlich stellte sich der Nobelpreisträger bei diesen Worten vor, welche katastrophalen Folgen der Einsatz von Atomwaffen in einem neuen globalen Krieg hätte. Die Menschheit würde auf diese Weise in die Steinzeit zurückkatapultiert.

Die meisten Friedensaktivisten sind der Ansicht, dass die Bewegung zur Abschaffung von Nuklearwaffen ihr Ziel nicht erreichen wird, die Welt in absehbarer Zeit von diesen tödlichen Massenvernichtungswaffen zu befreien.

Auch Jennifer Allen Simons, Gründerin und Vorsitzende der 'Simons Foundation' mit Sitz im kanadischen Vancouver, gehört zu denen, die sich für die Abschaffung von Kernwaffen einsetzen. Dennoch betrachtet sie einen Vorschlag, am Rande der laufenden Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag mit Verhandlungen über eine internationale Konvention zur globalen Ächtung von Kernwaffen zu beginnen, als "Rohrkrepierer". "Ich würde mir allerdings wünschen, dass ich damit falsch liege."

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Kreis der Atommächte USA, Großbritannien, Frankreich, Russland und China um die vier Staaten Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea erweitert. Und wenn sich auch der Iran Nuklearwaffen sichern sollte, würden wahrscheinlich früher oder später Ägypten, Saudi-Arabien und die Türkei dem Beispiel folgen, meint sie.

Anlass zu Sorge gebe derzeit die Neuauflage des Kalten Krieges zwischen den USA und Russland, betont sie. Der Konflikt wurde in erster Linie durch die politische Krise in der Ukraine und die Annexion der Krim durch Russland ausgelöst.

Im Gespräch mit IPS erklärt Simons, dass die Atommächte sich derselben Rhetorik wie früher bedienen, während sie ihre Arsenale aufstocken und langfristig mit Kernwaffen planen. "Es kann höchstens ein Konsens darüber erreicht werden, diese Waffen nicht in unmittelbarer Einsatzbereitschaft zu halten", sagte die ehemalige Beraterin der kanadischen Regierungsdelegation bei der Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrags im Jahr 2000, deren gemeinnützige Stiftung in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiert.

Hier das Interview in Auszügen:

IPS: Erscheint es Ihnen mit Blick auf die derzeitigen Verhandlungen über den Atomwaffensperrvertrag als realistisch, dass sich die Überprüfungskonferenz bis zum 22. Mai auf ein Abschlussdokument einigt?

Jennifer Allen Simons: Auch wenn es noch zu früh ist, um sich dazu zu äußern, so ist eine solche Erklärung doch wahrscheinlich. Sie dürfte aber weder eine Forderung nach einem Kernwaffenverbot noch Überlegungen zu den humanitären Folgen eines Atomkriegs enthalten. Wie ich höre, sind mehrere Delegationen darauf vorbereitet, mit Hilfe einer ohne Zeitlimit beratenden Arbeitsgruppe auf eine Konvention zur Abrüstung oder auf ein Rahmenwerk zu dringen, falls kein Konsens erzielt werden sollte.

IPS: Wird der neue Kalte Krieg zwischen den USA und Russland Einfluss auf das Ergebnis der Überprüfungskonferenz haben?

Simons: Er hat wahrscheinlich keine Auswirkungen, da die Atommächte ihre Arsenale ohnehin nicht zerstören werden. Dafür ist der neue START-Vertrag zur strategischen Abrüstung auf dem besten Weg. Eine weitere bilaterale Übereinkunft zur weiteren Reduzierung des Kernwaffenpotenzials halte ich aber für unwahrscheinlich.

IPS: Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Hürden für eine vollständige nukleare Abrüstung?

Simons: Die größte Hürde ist offensichtlich die Angst! Ein Mangel an Vertrauen zwischen Russland und dem Westen sowie die Befürchtung, dass die mehr als 30 Staaten, die Atomwaffen entwickeln könnten, weiterhin auf dieses Ziel hinarbeiten. Meine größte Sorge besteht darin, dass erst die Detonation einer Atombombe die Eliminierung dieser Waffen beschleunigen wird. Diese Detonation könnte aus Versehen ausgelöst werden, durch ein falsches Kalkül, absichtlich oder durch eine erfolgreiche Cyberattacke.

Während die USA davon ausgehen, dass niemand in ihr System eindringen kann, weist ein kürzlich verbreiteter Report des 'Defence Science Board' darauf hin, dass die Angreifbarkeit der US-Kommando- und Kontrollsysteme bisher nicht vollständig untersucht worden ist. Es ist nicht bekannt, ob Russlands und Chinas Systeme angreifbar sind. Und es ist nicht anzunehmen, dass Indiens und Pakistans Systeme 100-prozentig sicher sind.

Es ist beunruhigend, dass der russische Präsident Wladimir Putin das Atompotenzial seines Landes deutlich zur Schau stellt. Dies könnte ein Hindernis auf dem Weg zu einer Schmälerung der politischen Schlagkraft von Atomwaffen sein. Andere Atommächte sähen dies als Rechtfertigung dafür, ihre Arsenale zu behalten und aufzustocken.

IPS: Ist eine nukleare Abrüstung innerhalb der nächsten 50 Jahre denkbar?

Simons: Ich könnte eine solche Abrüstung noch erleben, wahrscheinlich aber nur dann, wenn es zu einer Atomexplosion kommt. Ein solches Verbrechen gegen die Menschlichkeit würde ein Verbot nach sich ziehen.

Die Ironie besteht darin, dass alle Angst davor haben, diese Waffen einzusetzen. Das Militär ist gegen die Waffen, weniger weil damit Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden könnten, sondern weil ihr Unterhalt sehr teuer ist und die Streitkräfte das Geld lieber in andere Waffen investieren würden. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum Menschen überhaupt töten wollen. [Deutsche Bearbeitung | Corina Kolbe | IPS Deutscher Dienst - 11. Mai 2015]