PAZIFIK: Atomare Gefahr noch nicht gebannt

Von Shailendra Singh*

Suva, Fidschi-Inseln (IDN) – Prominente Atomwaffengegner pazifischer Inselstaaten haben im Vorfeld der Revisionskonferenz der Vertragsstaaten des Atomwaffensperrvertrags, die vom 27. April bis 22. Mai in New York stattfindet, ihren Wunsch nach einer Wiederbelebung der einst starken regionalen Abrüstungsbewegung bekundet.

Der Atomwaffensperrvertrag beziehungsweise der Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NPT) ist ein historisch wichtiges Abkommen. Er soll die Verbreitung von Kernwaffen und Kernwaffentechnologien verhindern und die Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie fördern.

Mit Ausnahme von Palau war unter den 148 NPT-Vertragsstaaten, die zu den jährlichen Vorbereitungstreffen für die NPT-Revisionskonferenz zusammenkommen, kein anderer pazifischer Inselstaat zu finden. Und dies, obwohl der pazifische Raum einen immens wichtigen Beitrag zu den Bemühungen der Bewegung für nukleare Abrüstung gespielt hat, wie die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) betont.

Auf dem Höhepunkt des US-sowjetischen Rüstungswettlaufs hatten Mitglieder des Südpazifikforums das Südapazifische Abkommen für eine atomwaffenfreie Zone (SPNFZ) unterzeichnet und ratifiziert. Darüber hinaus stimmen pazifische Regierungen regelmäßig auf UN- und anderen internationalen Abrüstungskonferenzen für Resolutionen zur Ächtung von Atomwaffen.

Die bevorstehende NPT-Konferenz wird nach Mitteln und Wegen suchen, um eine größere Einbindung der Zivilgesellschaft in die Bemühungen um eine Stärkung der NPT-Auflagen und eine Bildungspolitik zugunsten der Abrüstung zu erreichen. Doch wird mit einer geringen Teilnahme der zivilgesellschaftlichen Organisationen aus dem Pazifikraum gerechnet.

Wie Emele Duituturaga, Leiterin der Vereinigung der zivilgesellschaftlichen Organisationen der pazifischen Inseln (PIANGO), erläutert, ist keines ihrer nationalen Verbindungsbüros auf der diesjährigen NPT-Revisionskonferenz vertreten. Auch weiß sie von keinen anderen pazifischen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die die Region auf der Veranstaltung vertreten.

Pazifische NGOs auf NPT-Revisionskonferenz abwesend

Die Abwesenheit pazifischer NGOs von einer Veranstaltung dieser Größenordnung ist einer von etlichen Hinweisen darauf, dass der Rückhalt für die Bemühungen um nukleare Abrüstung in der Region abnimmt.

Dazu meint Stanley Simpson, ein ehemaliger Vizedirektor der inzwischen eingestellten regionalen Aktionsgruppe, dem 'Pacific Concerns Resource Centre' (PCRC), dass die 'Nuklearisierung' nach wie vor eine Bedrohung darstelle. "Die Gefahr ist nicht gebannt", betont er. "Wir müssen nach wie vor mit den Gefahren der atomaren Hinterlassenschaft und nuklearer Aktivitäten leben."

Mit atomarer Hinterlassenschaft meint er die Atomtests, die die ehemaligen Kolonialmächte USA, Großbritannien und Frankreich im Pazifikraum von 1946 bis 1996 durchgeführt haben. Sie zündeten zusammengenommen mehr als 300 solcher unterirdischer oder oberirdischer Sprengsätze. Fast 70 Jahre später hat die Weigerung dieser Atommächte, sich zu ihrer Verantwortung zu bekennen und die Opfer zu entschädigen, bei den pazifischen Inselbewohnern das Gefühl, Unrecht erlitten zu haben, weiter vertieft.

Im Februar hatte die Regierung der Fidschi-Inseln 24 überlebenden fidschianischen Soldaten, die sich zur Zeit der britischen Atomtests Ende der 1950er Jahre auf Christmas Island, dem heutigen Kiribati, aufhielten, finanzielle Hilfe zugesagt. Dazu meinte der fidschianische Ministerpräsident Frank Bainimarama: "Wir sind es diesen Männern schuldig, dass ihnen geholfen wird. Wir können nicht darauf warten, dass britische Politiker oder Bürokraten bereit dazu sind. Wir müssen unsere Geschichte von diesem Pesthauch befreien."

In einem jüngsten Artikel hat der Präsident der Marshall-Inseln, Christopher J. Loeak, den hartherzigen Umgang der USA mit seinem Land zu Papier gebracht. Der Beitrag erschien in der 2014 von ICAN verbreiteten Publikation 'Banning Nuclear Weapons: A Pacific perspective' ('Atomwaffen ächten: Eine pazifische Perspektive'). Darin berichtete er, dass sein Land neben dem 'Bravo'-Test, dessen Sprengkraft um das 1.000-Fache höher als die Hiroshima-Bombe war, 17 weiteren Atomtests ausgesetzt war, die fast 80 Prozent aller von den USA überirdisch durchgeführten Atomtests ausmachten.

Französisch-Polynesien hat mit der französischen Regierung ähnlich schlechte Erfahrungen gemacht. Die Franzosen führten auf den Atollen Moruroa und Fangataufa 193 unterirdische und oberirdische Atomtests durch. Die ICAN-Publikation schildert den Fall eines polynesischen Maohi-Arbeiters am Testzentrum nach einem überirdisch durchgeführten Atomtest im September 1966 auf Moruroa. Dieser Mann gehörte zu denjenigen, die aufgefordert worden, die Trümmer nach der Detonation zu beseitigen. Wie er berichtete, wurde ihm gesagt, "dass es in Ordnung ist, dort rüberzugehen".

David Robie, einem Professor für Journalismus der AUT-Universität in Auckland in Neuseeland, zufolge ist die pazifische Anti-Atomwaffen-Bewegung aus Zorn über Länder wie Großbritannien, Frankreich und die USA entstanden, die fragilen pazifischen Staaten als Versuchskaninchen für ihre Tests zu missbrauchen, anstatt diese auf ihren eigenem Territorien durchzuführen.

Robie, der sich als unabhängiger Journalist Fragen der atomaren Abrüstung widmet, hatte 1986 das Buch 'Eyes of Fire' ('Feueraugen') über die Bombardierung des Greenpeace-Schiffes 'Rainbow Warrior' durch französische Staatsterroristen geschrieben. "Die Arroganz des Nordens hat die Menschen im Pazifik wahrlich empört", sagt er und erinnert an die damaligen Proteste der Pazifikbewohner gegen die französische Kolonialmacht, die 1996 den Stopp der Atomtests erzwangen.

Von der atomaren zur Klimagefahr

Seither haben die Anti-Atomtest-Organisationen ihre Tätigkeiten ganz oder teilweise eingestellt, andere sind zum Kampf gegen den Klimawandel übergegangen. "In den 1980er Jahren machte das Wort 'Atomflüchtlinge' die Runde", betont Robie. "Heute spricht man von 'Klimaflüchtlingen'."

Die Fidschianische Anti-Nuklear-Gruppe (FANG), die in den 1980er Jahren an vorderster Front gegen Atomtests stand, ist nicht länger aktiv. Die Gruppe hatte sich sowohl den französischen Tests auf Tahiti als auch der Laisser-faire-Haltung der Regierung der Fidschi-Inseln widersetzt, atomangetriebenen oder mit Atomwaffen bestückten Schiffen die Einfahrt in die Häfen zu erlauben. Das PCRC, das als Sekretariat der Bewegung für einen nuklearfreien und unabhängigen Pazifikraum (NFIP) fungierte, stellte damals ebenfalls seine Operationen ein.

Wie Duituturaga von PIANGO bestätigt, wurde die atomare Frage mit der Schließung von PCRC ad acta gelegt. Doch wie sie versichert, ist die nukleare Gefahr noch längst nicht gebannt. "Atomwaffen sind für uns alle – direkt oder indirekt – eine wirkliche Gefahr."

Atomare Gefahr nach wie vor real

Auch nach Ansicht von Robie ist die Pazifikregion weiter atomar gefährdet – durch die fortgesetzte Kontaminierung seit Durchführung der regionalen Atomtests, den Fallout des Atommeilers im japanischen Fukushima, die US-chinesische Rivalität und im Hinblick auf Spekulationen über die chinesischen Pläne für Taiwan, das von Peking als 'abtrünnige Provinz' betrachtet wird.

Simpson zufolge würde es dem Pazifikraum gut zu Gesicht stehen, Teil der internationalen Abrüstungsbewegung zu werden. "Die Pazifikinselbewohner reagieren sehr emotional auf Fragen im Zusammenhang mit der nuklearen Bedrohung. Sie könnten die internationale Bewegung erheblich stärken." Auf der bevorstehenden NPT-Revisionskonferenz, auf der wichtige Fragen der atomaren Abrüstung besprochen werden, werden sie leider nicht präsent sein.

*Shailendra Singh ist Koordinatorin und Dozentin im Fachbereich Sprache, Kunst und Medien der Fakultät der Künste, Rechtswissenschaften und Bildung an der Südpazifischen Universität in Suva, der Hauptstadt der Fidschi-Inseln. [Deutsche Bearbeitung | Karina Böckmann - 20. April 2015]

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