Welt an der Schwelle zu nuklearem Zeitalter

Von Thalif Deen

New York (IPS) – Während die USA und Russland auf einen neuen Kalten Krieg zusteuern, nimmt die nukleare Bedrohung immer weiter zu. Experten zufolge steht die Welt an der Schwelle zum Atomkonflikt.

Wie Randy Rydell, ehemaliger Mitarbeiter des UN-Büros für Abrüstungsfragen (UNODA), gegenüber IPS erklärte, wird die Öffentlichkeit derzeit mit zwei widersprüchlichen Aussagen konfrontiert: zum einen, dass es ein wachsendes Bestreben aller Länder gibt, in den Besitz von Kernwaffen zu gelangen und die bereits existierenden zu modernisieren, und zum anderen, dass unter dem Eindruck der humanitären Folgen einer möglichen Atomexplosion die nukleare Abrüstung an Fahrt aufnimmt.

Leider sei die zweite Aussage falsch, meinte Rydell, ein ehemaliger Berater der Kommission für die Zerstörung von Massenvernichtungswaffen. "Die erste Prognose ist realistisch und wir alle sind die Verlierer", fügte er hinzu.

In einem jüngsten Leitartikel äußerte sich das britische Wirtschaftsmagazin 'The Economist' ebenso pessimistisch: "Ein Vierteljahrhundert nach Ende des Kalten Krieges sieht sich die Welt mit der zunehmenden Gefahr eines Atomkonflikts konfrontiert." 25 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion trete die Welt in das nukleare Zeitalter ein. Kernwaffen würden zum Druckmittel von Schurkenstaaten und deren regionalen Verbündeten gegenüber den fünf ursprünglichen Atomstaaten USA, Großbritannien, Frankreich, China und Russland, deren Umgang miteinander von Misstrauen und Rivalität geprägt sei.

Mehr Atomwaffen in multipolarer Welt

Wie Shannon Kile, Wissenschaftler und Leiter des Atomwaffenprojekts am Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI, im Gespräch mit IPS betonte, schließt er sich dieser Einschätzung an. "Allerdings würde ich den Übergang zu diesem 'neuen nuklearen Zeitalter' nicht an den Investitionen in Kernwaffen von Atomwaffenstaaten festmachen, sondern an dem Entstehen einer multipolaren atomaren Welt, die die bipolare Weltordnung des Kalten Krieges ersetzt."

Kile unterstrich ferner, dass Atomwaffen zu Kernelementen der Verteidigung und nationalen Sicherheitsstrategien der Länder in den Regionen Ost- und Südasien sowie Nahost geworden seien, wo sie die Berechnung der regionalen Stabilität und Abschreckung auf unvorhersehbare Weise erschwerten. Dadurch nehme die Gefahr der nuklearen Verbreitung oder gar atomaren Konfrontation zu. Sie sei in Zeiten, in denen nur wenige Mächte Atomwaffen besessen hätten, geringer gewesen.

Dies zeigt sich an einer Vielzahl von Entwicklungen. So ist es bei den Verhandlungen, die den Iran von der Entwicklung einer Atombombe abhalten sollen, noch nicht zu einem Durchbruch gekommen. Saudi-Arabien wiederum hat mit Südkorea ein neues nukleares Atomkooperationsabkommen – angeblich zur friedlichen Nutzung der Kernkraft – unterzeichnet, während Nordkorea immer wieder seine nuklearen Muskeln spielen lässt.

In der vorletzten Märzwoche hatte der Nachrichtendienst 'Sky News' den nordkoreanischen Botschafter in Großbritannien, Hyun Hak Bong, mit den Worten zitiert, dass sein Land einen Atomwaffenanschlag der USA mit Atomwaffen beantworten würde. Die USA hätten keinen Monopol auf den Einsatz von Atomwaffen, betonte er. "Wir sind auf einen konventionellen Krieg mit konventionellen Waffen vorbereitet; wir sind nuklear auf einen Atomkrieg vorbreitet. Wir wollen keinen Krieg, wir haben aber auch keine Angst vor einem Krieg", versicherte er.

The Economist thematisierte in seinem Artikel auch die großzügigen Investitionen der Atommächte in die Modernisierung ihrer Atomwaffenarsenale. So wurde der russische Verteidigungshaushalt seit 2007 um 50 Prozent aufgebläht, wovon ein Drittel – das Doppelte des französischen Anteils - für Atomwaffen ausgegeben wurde. China wiederum investiert in U-Boote und mobile Raketenbatterien, während die USA derzeit versuchen, den Kongress zur Zustimmung zu bewegen, weitere 350 Milliarden Dollar für die Modernisierung des US-amerikanischen Atomwaffenarsenals freizugeben.

Neue Technologien, größere Gefahren

Kile macht zudem auf eine technische Begleiterscheinung des 'neuen nuklearen Zeitalters' aufmerksam, die sich aus der fortgesetzten Aufweichung der operativen Grenzen zwischen Atom- und konventionellen Waffen ergibt. So arbeite man derzeit an neuen fortgeschrittenen Langstrecken-Präzisionsraketen, die in Verbindung mit den zunehmenden Möglichkeiten satellitenbasierter Wiedererkennungs- und Überwachungssysteme dazu führten, dass konventionelle Waffen nun Aufgaben übernähmen, die vorher Nuklearwaffen vorbehalten gewesen seien.

"Dieser Trend ist besonders stark in den USA, aber auch in einem südasiatischen Kontext erkennbar, wo Indien auf konventionelle Angriffssysteme gegen pakistanische Atomwaffen als Teil seiner zunehmend eingeschränkten Kriegsdoktrin umsteigt", so der Experte.
Auch hatten viele Beobachter darauf hingewiesen, dass dieser technologische Trend dogmatische Veränderungen mit sich bringe, die in Krisenzeiten zu mehr Instabilität führen und das Risiko, Atomwaffen einzusetzen, erhöhen würden.

"Solche Entwicklungen sagen mir vor allem eines: Die Gesamtzahl der atomaren Sprengköpfe mag zwar seit dem Ende des Kalten Krieges beträchtlich zurückgegangen sein, die Risiken und Gefahren, die von Atomwaffen ausgehen, nehmen jedoch derzeit zu", erläuterte der SIPRI-Vertreter. Angesichts der immensen Zerstörungsfähigkeit von Atomwaffen gelte es die Kräfte zu bündeln und kollektiv an einer Welt zu arbeiten, in der Atomwaffen geächtet werden. [Deutsche Bearbeitung | Karina Böckmann | IPS Deutscher Dienst - 31. März 2015])

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Experten zufolge investieren die Atommächte immense Beträge in die Modernisierung ihrer Atomwaffenarsenale – Bild: National Nuclear Security Administration/CC-BY-ND-2.0

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http://www.ipsnews.net/2015/03/nuclear-threat-escalating-beyond-political-rhetoric/