Atommächte in Wien unter Beschuss

Von Jamshed Baruah

Wien (IPS) – Auf der Wiener Konferenz über die humanitären Folgen von Atomwaffen hat ein Umweltschützer den Sonderrepräsentanten des US-Präsidenten für nukleare Nichtverbreitung, Adam Scheinman, abgewatscht. "Sie haben meine Bewunderung dafür, dass es Ihnen mit Ihrem unsensiblen, schlecht getimten, unpassenden und undiplomatischen Redebeitrag gelungen ist, das Wohlwollen zu zerstören, das den USA aufgrund ihrer Teilnahme an dem Treffen entgegengebracht wurde.

 Die Kritik hatte Richard Lennane von der Abrüstungsinitiative 'Wildfire' in einem Statement zum Abschluss der zweitägigen Konferenz am 9. Dezember vorgebracht. Anders als bei den Vorgängerkonferenzen im norwegischen Oslo 2013 und im mexikanischen Nayarit Anfang 2014 waren diesmal die zwei Atommächte die USA und Großbritannien vertreten. Beide Länder gehören zusammen mit China, Frankreich und Russland den fünf offiziellen Mitgliedern des nuklearen Klubs an. Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel sind die vier inoffiziellen Kernwaffenstaaten.

Nukleare Opfer berichten

Die verbale Ohrfeige erhielt der US-Botschafter Scheinman vor allem wegen seines Diplomatenjargons im Anschluss an die emotionalen Redebeiträge der Überlebenden der Bombenanschläge auf Hiroshima und Nagasaki sowie der Atomtests in Australien, Kasachstan und auf den Marshallinseln. Diese Zeitzeugen hatten ihren Zuhörern das ganze Ausmaß der nuklearen Katastrophe vor Augen geführt.

Nicht nur, dass Scheinman mit seiner Äußerung, "dass wir uns der menschlichen Folgen von Atomwaffeneinsätzen voll und ganz bewusst sind", bei den Teilnehmern keinen Eindruck machen konnte. Auch ließ sie wenig Raum für Hoffnung, dass die Konferenz zur Revision des Atomwaffensperrvertrags im kommenden Jahr zu einem Erfolg führen wird.

Abrüstungsorganisationen wie die 'Arms Control Association', das 'Institute for Energy and Environmental Research' und das 'Nuclear Information Project of the Federation of American Scientists' hatten ihrerseits in einer Mitteilung erklärt, dass die Fortschritte keine fünf Jahre nach der erfolgreichen Revisionskonferenz von 2010 sehr enttäuschend seien. "Seit dem neuen START-Abkommen von 2011 ist es Russland und den USA nicht gelungen, ihre nach wie vor riesigen Mengen an Atomwaffen zu verringern, die die Abschreckungsanforderungen bei weitem überschreiten."

2015 wird es 70 Jahre her sein, dass Hiroshima und Nagasaki Opfer des ersten und bisher einzigen Atombombenanschlags wurden. Von den Folgen, unter denen die Überlebenden der Katastrophe ('Hibakusha') und deren Familien bis heute leiden, legte Setsuko Thurlow, die Hiroshima-Friedensbotschafterin und Überlebende der 'Bombe' vom 6. August 1945 in Wien in ihrem Statement, ein bewegendes Zeugnis ab.

"Ein Einsatz von Atomwaffen hätte verheerende, dauerhafte und inakzeptable Folgen. Es reicht nicht aus, dass die Regierungen den Geschichten der Hibakusha lauschen, ohne zu handeln", meinte Akira Kawasaki von der japanischen Nichtregierungsorganisation 'Friedensboot'. "Die einzige Lösung besteht darin, Atomwaffen unverzüglich zu verbieten und zu vernichten."

In einem Statement für die Generaldebatte erklärte Scheinman: "Die USA sind sich der Folgen von Atomwaffeneinsätzen voll und ganz bewusst, und diese zu verhindern, hat höchste Priorität. Die USA stehen hinter all jenen, die sich um Frieden und Sicherheit in einer atomwaffenfreien Welt bemühen." Darüber hinaus versicherte er, dass die USA auch weiterhin mithilfe verschiedener Instrumentarien und Abkommen einschließlich dem Nichtverbreitungsabkommen an den Voraussetzungen arbeiteten, die eine solche Welt möglich machten.

Menschheit in latenter Gefahr

Ungeachtet der Aufrichtigkeit, die in seinen Worten mitschwang, standen die Äußerungen in einem starken Gegensatz zu den Wortmeldungen von Delegierten aus 44 der insgesamt 158 in Wien vertretenen Staaten. Solange es Atomwaffen gebe, bestehe das Risiko, dass sie zum Einsatz kämen: beabsichtigt oder unbeabsichtigt, infolge technischer oder menschlicher Fehler, falschen Kalkulationen oder Größenwahn.

Papst Franziskus forderte in einer Botschaft an die Konferenz, dass Atomwaffen "ein für alle Mal geächtet werden müssen". Und UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sprach in einer von Angela Kane, der Hohen Repräsentantin für Abrüstungsfragen der Vereinten Nationen, verlesenen Botschaft von der Sinnlosigkeit, Unsummen an Geldern in die Modernisierung von Massenvernichtungswaffen zu investieren, die zur Bewältigung der großen globalen Herausforderungen wie Armut, Klimawandel, Extremismus und Destabilisierung durch die Ansammlung von Waffen dringend erforderlich wären. [Deutsche Bearbeitung | Karina Böckmann | IPS Deutscher Dienst 12. Dezember 2014]

Bild:
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Delegierte auf der Konferenz über die humanitären Folgen von Atomwaffen vom 8. bis 9. Dezember in Wien – Bild: IPPNW-Deutschland

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